Die Grundidee des TFFF überzeugt: Für bestehenden Waldbestand zu bezahlen und für jeden gerodeten Hektar mindestens 400 US-Dollar abzuziehen, ist eine vielversprechende Idee. Gerade deshalb muss das aktuelle Finanzierungmodell hinterfragt werden.
Die Grundidee des Tropical Forests Forever Facility (TFFF) Fonds überzeugt. Für bestehenden Waldbestand zu bezahlen und für jeden gerodeten Hektar mindestens 400 US-Dollar abzuziehen, ist ein vielversprechender Ansatz. Während bisherige Programme für vermiedene Rodung zahlen, will der TFFF Waldländer für ihren Bestand entlohnen.
Die Erträge, aus denen der Wald bezahlt werden soll, sind keine verlässliche Einnahmequelle
Gerade deshalb muss die aktuelle Finanzierung hinterfragt werden. Gemeinsam mit Aidan Hollis, Ökonomieprofessor an der University of Calgary, habe ich im Vorfeld der vergangenen Klimakonferenz in Belém den ersten unabhängigen Stresstest des Finanzierungsmodells vorgelegt. Unser Befund: Die Erträge, aus denen der Wald bezahlt werden soll, sind keine verlässliche Einnahmequelle, sondern ein Aufschlag für das Risiko, dass Schuldnerländer nicht zahlen – und dieser Aufschlag schwankt Jahr für Jahr mit den Märkten. Im Extremfall kann der Fonds zusammenbrechen, bevor nennenswerte Zahlungen an die Waldländer fließen: Dann entschädigen öffentliche Regenwaldmilliarden private Anleger*innen für Verluste – und gehen damit verloren.
Wie der Fonds den Wald bezahlen soll
Die Idee ist brasilianisch: Tasso Azevedo, Gründer von MapBiomas, hat die Zahlung pro Hektar 2010 erdacht. Die Idee, den Wald aus Kapitalerträgen zu bezahlen, geht dagegen auf den früheren Weltbank-Schatzmeister Kenneth Lay zurück. Anfangs nannte Brasilien den Fonds ein Endowment (Stiftungskapital), „weil wir mit Zuschüssen und Spenden rechneten", wie João Paulo de Resende, damals Staatssekretär im Finanzministerium, in Davos betonte. Die Spenden kamen nicht. Noch 2023 in Dubai warb Brasilien um 250 Milliarden US-Dollar, vor allem von Staatsfonds. Erst 2024 wurde daraus das heutige Modell, in welchem jede öffentliche Milliarde vier weitere Milliarden an privaten Krediten hebeln und gegen Verluste absichern soll.
Das Prinzip ist schnell erklärt. Der TFFF legt sein Geld vor allem in Staatsanleihen von Schwellenländern an, die höhere Zinsen versprechen, als der Fonds Geberländern für das geliehene Geld zahlt. Aus dem Unterschied zahlt der TFFF zuerst die Zinsen an seine Geldgeber und seine Verwaltungskosten. Nur was übrig bleibt, erhalten die Waldländer. Für die vollen vier US-Dollar pro Hektar wären laut TFFF Watch gegenwärtig rund 2,7 Milliarden US-Dollar im Jahr nötig. Mindestens 20 Prozent jeder Zahlung gehen direkt an indigene und lokale Gemeinschaften; der Anteil wurde mit ihren Vertreter*innen entworfen und ist durchsetzbar. Die genaue Funktionsweise beschreibt die Stiftung Wissenschaft und Politik.
Warum die Zahlung nicht verlässlich ist
Die Differenz, von der der Wald leben soll, ist der Preis für ein reales Risiko. Schwellenländer zahlen höhere Zinsen, weil sie ihre Schulden nicht immer bedienen können. Allein in den Krisenjahren 2020 und 2022 kam es in Argentinien, Ecuador, Sambia, Sri Lanka und Ghana zu Zahlungsausfällen. Seit Sommer 2025 stellen wir daher dieselbe Kernfrage: Wenn es verlässlich möglich wäre, Geld günstig zu leihen und mit erheblicher Überrendite anzulegen – warum sollte man diesen Ansatz auf ein paar Milliarden im Regenwaldschutz beschränken? Wäre es so einfach, Milliardenerträge mit geliehenem Geld zu erwirtschaften, ließe sich dasselbe Modell für jedes globale Gemeingut auflegen, von den Meeren bis zur Pandemievorsorge. Und auch ihren nationalen Haushaltsdruck hätten die Regierungen des Globalen Nordens mit einem solchen „magischen Geldbaum" längst lösen können.
Steuergeld versichert private Gläubiger – ohne Gegenleistung. Auf jeden Dollar der Geberländer kommen vier Dollar, die der Fonds bei privaten Investor*innen leiht (S. 41). Verluste treffen zuerst das öffentliche Geld: Verliert der TFFF ein Fünftel seiner Investitionen, sind die öffentlichen Milliarden vollständig aufgebraucht. Nach den eigenen Berechnungen des Fonds für die vergangenen zwanzig Jahre wäre das zweimal geschehen, 2008 und 2020. Die Geberländer sind dann die Versicherung der privaten Anleger*innen, erhalten trotz dieser massiven Risikoübernahme aber nur den niedrigen Zins sicherer US-Staatsanleihen (S. 35).
Der Wald wird zuletzt bezahlt und zuerst gekürzt. Verlieren die Anlagen nur rund 6 Prozent ihres Werts, werden die Waldzahlungen laut Konzeptpapier vom Oktober 2025 gekürzt. Diese Kürzungen kämen gerade dann, wenn steigende Zinsen auch die Haushalte der Waldländer belasten. Nachgezahlt wird nur, wenn sich die Finanzlage des Fonds später bessert (S. 10).
Am Ende kommt wenig an. Nach den Berechnungen in unserem Buch zum Regenwaldfonds (Missing Billions) hätte selbst der volle Fonds von 125 Milliarden US-Dollar mit den Renditen seit 2008 statt der in Aussicht gestellten vier US-Dollar nur etwa 60 Cent pro Hektar zahlen können. Vom Fünftel für indigene und lokale Gemeinschaften blieben so nur wenige Cent. Und das gilt für den großen, mit 25 Milliarden US-Dollar öffentlicher Gelder finanzierten Fonds. Realistisch scheint derzeit aber ein Mini-TFFF mit etwa zehn Milliarden US-Dollar: Während die laufenden Kosten auch dann bei rund 100 Millionen US-Dollar im Jahr liegen, sinkt die mögliche Regenwaldfinanzierung mit jeder fehlenden Milliarde. Ein großer Teil dieser Kosten ginge als Gebühren an die Finanzbranche, die den Fonds öffentlich unterstützt, auf die offenen Fragen zu seinem Finanzmodell bisher aber nicht eingegangen ist.
Verlässlichkeit in der Regenwaldpolitik
Das Anreizmodell funktioniert nur, wenn die vier US-Dollar jedes Jahr verlässlich fließen. Waldschutz kostet jedes Jahr Geld: für Waldranger*innen und Schutzgebiete, für indigene und lokale Gemeinschaften, für staatliche Kontrollen gegen illegale Rodung. So hat Brasilien die Rodung im Amazonas zwischen 2004 und 2012 um mehr als vier Fünftel gesenkt. Waldländer können die versprochene Zahlung aber nur dann in ihren Haushalt einplanen, wenn sie ihre Höhe durch weniger Rodung selbst beeinflussen können. Fällt die Zahlung trotz aller Anstrengungen aus, weil Finanzmärkte kippen, geht jede Planungssicherheit verloren. Dann tragen die Regierungen der Waldländer nicht nur die politischen Risiken des Waldschutzes, sondern am Ende auch seine Kosten. Das Konzeptpapier weiß das: Langfristige Waldpolitik sei nur möglich, wenn eine „langfristige, berechenbare Finanzierung" absehbar ist (S. 69). Vier Seiten später kündigt es an, die Zahlungen in Krisen zu streichen.
Fällt die Zahlung aus, weil Finanzmärkte kippen, geht jede Planungssicherheit verloren.
Verkauft wurde der Fonds dennoch als sicher. Zum Start in Belém erklärte Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre, der Fonds könne den Waldländern eine „sichere Finanzierung, die Bestand hat" geben. In derselben Mitteilung knüpfte Norwegen sein Geld an ein „tragfähiges Finanzierungsmodell mit vertretbarem Risiko". Darin liegt die aktuelle Gefahr: Ein Fonds, der sicherer anlegt, verdient auch weniger. Am Ende stünde ein Zombie-Fonds: ein Mini-TFFF, der mit deutlich weniger Kapital startet, weniger Risiko eingeht und zusätzlich jedes Jahr einen Teil seiner Gewinne als Polster zurückbehält, statt ihn an die Waldländer auszuzahlen. Er könnte das politische Mindestziel von zehn Milliarden US-Dollar erreichen und würde kaum je pleitegehen, den Wald aber mit Centbeträgen abspeisen. Damit wäre das Gesicht all jener gewahrt, die sich zu früh auf das Modell festgelegt haben – gerettet wäre aber möglicherweise kein einziger Hektar Regenwald.
Der Vorwurf der Ausbeutung
Manche werfen dem TFFF vor, an den hohen Zinsen ärmerer Länder zu verdienen. Nach Jahrzehnten von Schuldenkrisen ist der Verdacht verständlich. Doch der Zins einer Staatsanleihe ist geschuldet, gleich wer sie hält. Kauft der TFFF zusätzlich Anleihen von Schwellen- und Entwicklungsländern, dürfte dies deren Zinslast eher senken und so ihre Staatshaushalte entlasten. Das Problem des Fonds liegt woanders: beim Risiko, das zuerst Waldländer und Geberländer tragen. Auch eine oft befürchtete ‚Finanzialisierung‘ des Regenwaldes findet durch den TFFF nicht statt: Vielmehr zahlt das Modell Waldländern Geld, damit diese ihre Maßnahmen gegen kommerzielle Rodung finanzieren können.
Die Zweifel wachsen
Inzwischen teilen Fachleute unsere Bedenken, jeweils auf eigenem Weg. Bård Harstad, Ökonomieprofessor in Stanford, erinnert in Bezug auf den TFFF daran, dass es an internationalen Kapitalmärkten keinen „Free Lunch" gibt. Robert Nasi, Generaldirektor des internationalen Waldforschungszentrums CIFOR, schreibt, dass die Rendite, auf die das Modell baut, „kein geschenktes Geld" sei. Auch Azevedo, der Erfinder der Zahlung pro Hektar, fragt öffentlich, warum irgendjemand Geld in den TFFF stecken solle statt in amerikanische Staatsanleihen, „die sicherer und garantiert sind".
Selbst Geberländer fordern ein tragfähiges Finanzmodell. Und dies, obwohl sie das gegenwärtige Design zu großen Teilen selbst mitentwickelt haben, bevor es öffentlich hinterfragt wurde: Deutschland, Norwegen und Großbritannien saßen in den Arbeitsgruppen, die es entwarfen. Norwegen hat in seinem Haushalt 2027 dennoch keine Krone für den Fonds verplant und lässt das Modell von zwei Pionieren seines Ölfonds prüfen, darunter dessen Gründungschef Knut N. Kjær. Der Ölfonds selbst begrenzt Schwellenländeranleihen auf höchstens fünf Prozent seiner Anleihen, während der TFFF plant, überwiegend in solche Anleihen zu investieren – und das mit geliehenem Geld. Die Niederlande haben ihren jüngsten Beitrag an eine Prüfung geknüpft und wollen erst Mitte 2027 entscheiden. Und auch Deutschlands Milliardenzusage steht unter Vorbehalt: Ende November entscheidet der Bundestag. Der zuständige CDU-Haushälter Andreas Mattfeldt will die erste Rate sperren, weil die Regierung einen „Blankoscheck" ausgestellt habe.
Was auf dem Spiel steht
Ein Scheitern des Fonds wäre eine politische Katastrophe. In unseren Simulationen, in denen wir den Fonds für jedes Startjahr von 2000 bis 2018 mit den tatsächlichen Marktdaten durchgerechnet haben, hätten sechzehn von neunzehn Fonds bis heute mehr als die Hälfte des Geldes der Geberländer verloren, einer sogar alles. Der TFFF gilt derzeit als Vorzeigeprojekt des Waldschutzes, trat in Belém als zentrales Vorhaben der Klimakonferenz an und soll zumindest teilweise als Klimafinanzierung verbucht werden.
Ein Scheitern des Fonds wäre eine politische Katastrophe.
Hierin liegt ein enormes Risiko: Das Scheitern einer derart massiven Finanzmarktspekulation mit öffentlichen Geldern in Milliardenhöhe würde den Gegner*innen internationaler Zusammenarbeit eine fertige Erzählung liefern, die kurz- und mittelfristig eine echte politische Gefahr für zukünftigen Regenwaldschutz, aber auch Klimafinanzierung und globale Zusammenarbeit als Ganzes darstellen könnte. Insbesondere in einer Zeit, in der Klimafinanzierung und Entwicklungszusammenarbeit ohnehin unter enormem politischem Druck stehen, ein möglicherweise fatales Szenario.
Die Geberländer müssen die Finanzierung bereitstellen
Der vielversprechende Kern des TFFF muss erhalten bleiben: die Zahlung von vier US-Dollar pro Hektar, der Abzug von mindestens 400 US-Dollar für jeden gerodeten Hektar und der feste Anteil für indigene und lokale Gemeinschaften. Was fehlt, sind zwei Dinge. Erstens Transparenz: Bevor weiteres öffentliches Geld fließt, muss das überarbeitete Finanzmodell veröffentlicht werden; die Abstimmung im Bundestag und die COP31 sind dafür der richtige Moment. Zweitens eine stabile Finanzierung, die nicht vom Risikoaufschlag der Schwellenländer abhängt.
Aidan Hollis und ich haben dafür vor Belém TFFF 2.0 vorgeschlagen: Die Geberländer leihen dem Fonds zinslos. Der Fonds kauft mit diesem Geld sichere Staatsanleihen der Geberländer, und die Zinsen darauf finanzieren die Zahlungen für den Waldbestand. Im Kern zahlen die Geberländer so nur die Zinsen und bekommen ihr Geld vollständig zurück. Der entscheidende Unterschied: diesmal ohne Ausfallrisiken und ohne riskante Hebelung durch private Kredite. Bei 5 Prozent Rendite würden 50 Milliarden US-Dollar solcher Darlehen jedes Jahr 2,5 Milliarden für den Wald abwerfen.
Mehrere solcher Vorschläge werden derzeit diskutiert, und keiner von ihnen beruht auf Finanzmarktspekulation mit Regenwaldgeldern.
Brasilien hat die richtige Idee geliefert. Es wäre an den Geberländern, die nötige Finanzierung bereitzustellen.